Es gibt Übergänge, die kaum auffallen. Und dann gibt es jene, die sich anfühlen wie ein Gewitter.
Gerade befinden wir uns in einem solchen Übergang. Der Sommer beginnt sich zu verabschieden und das Feuerelement geht langsam in das Erdelement über.
Die ersten Gewitter entladen die Spannung in der Atmosphäre. Die Luft verändert sich. Das Licht wird anders. Die Nächte werden länger. Die Hitze wird immer wieder von kühleren Tagen unterbrochen.
Vielleicht bemerkst du es auch an dir.
Du bist gereizter als sonst.
Du schläfst schlechter.
Dein Kopf läuft auf Hochtouren.
Deine Verdauung reagiert empfindlicher.
Du bist müde, obwohl du eigentlich genug geschlafen hast.
Oder du hast das Gefühl, irgendwie nicht richtig bei dir zu sein.
Und vielleicht schiebst du all das einfach auf das Wetter.
Doch was wäre, wenn dein Körper gerade mitten in einem Übergang steckt?
Feuer will nach außen
In der TCM steht der Sommer für das Feuerelement.
Feuer bedeutet Lebendigkeit, Ausdruck, Begegnung und Bewegung. Wir sind mehr draußen, treffen Menschen, unternehmen Dinge und sind häufig aktiver.
Dem Feuer werden Herz, Dünndarm, Herzkonstriktor und Dreifacher Erwärmer zugeordnet.
Wenn diese Energie langsam zurückgeht, kann sich das bemerkbar machen.
Vielleicht fällt dir plötzlich auf, dass du nicht mehr ständig unterwegs sein möchtest. Vielleicht brauchst du mehr Ruhe oder merkst, dass soziale Kontakte dich schneller ermüden.
Manche Menschen reagieren in dieser Zeit auch mit innerer Unruhe, Einschlafproblemen, Herzklopfen oder einer stärkeren emotionalen Reizbarkeit.
Das bedeutet nicht automatisch, dass mit deinem Herzen oder deinem Nervensystem etwas nicht stimmt.
Es bedeutet zunächst einmal:
Nimm wahr, was sich verändert.
Denn dein Körper reagiert nicht isoliert von seiner Umgebung.
Erde beginnt zu verdauen
Mit dem Spätsommer beginnt in der TCM die Zeit des Erdelements.
Hier stehen vor allem Magen und Milz im Mittelpunkt.
Und plötzlich bekommt das Wort verdauen eine ganz andere Bedeutung.
Der Magen verdaut Nahrung. Aber auch Erlebnisse brauchen Verarbeitung.
Ein Gespräch, das dich beschäftigt.
Eine Entscheidung, die noch nicht gefallen ist.
Eine Veränderung, die du noch nicht einordnen kannst.
Etwas, das passiert ist und von dem du noch gar nicht weißt, was es mit dir gemacht hat.
Nicht alles kann sofort verarbeitet werden. Manches muss erst einmal in dir liegen. Wie ein guter Wein, der nicht besser wird, weil du ständig nachsiehst, ob er schon fertig ist.
Auch innere Prozesse brauchen Reifezeit.
Wenn der Übergang körperlich spürbar wird
Gerade in Übergangsphasen können körperliche Signale deutlicher werden.
Die Magenenergie kann sich beispielsweise durch Völlegefühl, Blähungen, Druck im Oberbauch, Übelkeit oder ein verändertes Hungergefühl bemerkbar machen.
Die Milzenergie steht in der TCM unter anderem für die Umwandlung und Verteilung dessen, was wir aufnehmen. Wenn diese Funktion geschwächt oder belastet ist, können Müdigkeit, Schweregefühl, Konzentrationsprobleme oder ein Gefühl von „zu viel im Kopf“ auftreten.
Auch Grübeln und sich im Kreis drehende Gedanken werden in der TCM dem Erdelement zugeordnet.
Vielleicht kennst du das:
Du hast eigentlich nichts mehr zu tun. Aber dein Kopf arbeitet weiter.
Du gehst ein Gespräch immer wieder durch. Überlegst, was du anders hättest sagen können. Planst bereits die nächsten drei Schritte. Und währenddessen sitzt du vielleicht längst auf der Couch und bist körperlich völlig erschöpft.
Genau hier wird es interessant.
Denn nicht jedes Problem lässt sich durch noch mehr Denken lösen.
Und dann kommt das Leber Qi dazu
Übergänge können auch die Leberenergie beschäftigen.
Die Leber sorgt in der TCM dafür, dass das Qi frei und geschmeidig fließen kann. Veränderungen, unerfüllte Bedürfnisse, Druck oder das Gefühl, nicht weiterzukommen, können diese Bewegung beeinträchtigen.
Das kann sich beispielsweise in Spannung im Körper, Nacken und Schultern, Kopfschmerzen, Druckgefühl, Gereiztheit oder einem Gefühl von innerem Stau zeigen.
Vielleicht bist du plötzlich wegen Kleinigkeiten auf hundert.
Nicht weil du „zu empfindlich“ bist.
Sondern weil dein System gerade möglicherweise schon ziemlich viel verarbeitet.
Und jetzt kommt unsere Lieblingsstrategie
Wir ignorieren es.
Wir funktionieren weiter.
Wir machen noch schnell den Termin.
Noch schnell die E Mail.
Noch schnell Sport.
Noch schnell einkaufen.
Noch schnell die nächste Aufgabe.
Und wenn der Körper irgendwann lauter wird, versuchen wir ihn wieder leiser zu machen.
Tablette nehmen.
Symptom wegmachen.
Weitermachen.
Das ist die Scheuklappe unserer Zeit.
Wir fragen ständig:
„Wie bekomme ich das weg?“
Viel seltener fragen wir:
„Warum reagiert mein Körper gerade so?“
Dabei muss ein Symptom nicht dein Feind sein. Es kann ein Hinweis sein.
Nicht jede körperliche Reaktion hat selbstverständlich eine TCM Ursache und anhaltende oder starke Beschwerden gehören medizinisch abgeklärt. Aber wir dürfen gleichzeitig wieder lernen, unseren Körper überhaupt wahrzunehmen.
Übergänge passieren nicht nur draußen
Der Wechsel vom Feuer zur Erde findet nicht nur im Kalender statt.
Auch unser Leben besteht aus Übergängen.
Eine Beziehung verändert sich.
Kinder werden selbstständiger.
Ein Arbeitsplatz passt plötzlich nicht mehr.
Eine Lebensphase geht zu Ende.
Etwas Neues beginnt, obwohl das Alte noch nicht vollständig abgeschlossen ist.
Und auch solche Übergänge können explosiv sein.
Manchmal gibt es einen großen Knall.
Eine Entscheidung.
Eine Trennung.
Ein Streit.
Eine Krankheit.
Ein Ereignis, das plötzlich alles verändert.
Und manchmal passiert es ganz leise.
- Du merkst irgendwann, dass du nicht mehr derselbe Mensch bist.
- Dass etwas nicht mehr passt.
- Dass du bestimmte Dinge nicht mehr möchtest.
- Dass dein Körper auf Situationen anders reagiert als früher.
Auch stille Übergänge sind Übergänge.
Wie der Gärprozess in einem Eichenfass.
Von außen passiert scheinbar nicht besonders viel. Und trotzdem verändert sich im Inneren alles.
Vielleicht musst du gerade nicht schneller werden
- Vielleicht musst du nicht sofort wissen, was als Nächstes kommt.
- Vielleicht musst du nicht jede Veränderung analysieren.
- Und vielleicht musst du auch nicht aus jedem körperlichen Signal sofort ein neues Projekt machen.
Vielleicht darfst du zunächst einmal wahrnehmen.
Wie fühlt sich dein Bauch heute an?
Wie ist deine Verdauung?
Wie tief atmest du?
Wie viel Spannung hält dein Körper?
Wie ist dein Schlaf?
Was passiert mit deiner Energie, wenn du Menschen triffst?
Wann wird dein Körper weit und wann zieht er sich zusammen?
Und vor allem:
Was tut dir in dieser Übergangsphase tatsächlich gut?
Nicht das, was laut Social Media gerade als richtig gilt.
Nicht das, was dein Tracker empfiehlt.
Nicht das, was du glaubst leisten zu müssen.
Sondern das, worauf dein Körper wirklich reagiert.
Denn Übergänge lassen sich nicht immer verhindern.
Aber du kannst lernen, sie wahrzunehmen, bevor dein Körper dich mit einem Gewitter darauf aufmerksam machen muss.
